Kurzgeschichte: Du wirst mein Tod sein (Deutsches Original)

Du wirst mein Tod sein (Download Text)

   Ich habe schon immer gesagt, dass er mal mein Tod sein werde. Selbstverständlich war es immer ein Scherz und niemand hatte damit gerechnet, dass dies tatsächlich einmal eintreffen werde. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch nicht seine Schuld. Dennoch liege ich jetzt im Sterben, weil wir zusammen waren.

   Dean und ich waren seit vier Jahren ein Paar. Wir kannten uns allerdings schon einige Zeit länger, wenn wir auch anfangs nicht so viel miteinander zu tun hatten. Wir waren eben Freunde von Freunden und ich konnte ihn anfangs gar nicht ausstehen. Seine arrogante Art trieb mich ständig auf die Palme und schon damals sagte ich immer, sie würde mich umbringen. Aber wie das manchmal einfach ist, lernten wir uns durch unsere Freunde doch noch besser kennen. Und ich stellte fest, dass er hinter seiner Fassade ein wirklich lieber Kerl war.
   Nachdem wir knapp ein Jahr zusammen gewesen sind, beschlossen wir zusammenzuziehen. Ein Grund für diese Entscheidung war meine Arbeit. Ich bin Krankenschwester und wegen des Schichtdienstes haben wir uns teilweise tagelang nicht gesehen, als wir noch getrennte Wohnungen hatten. So sahen wir uns wenigstens zwischendurch. Dass dies allerdings auch ein Grund dafür sein könnte, dass ich nun sterben muss, darüber denke ich momentan lieber nicht nach.
   Angefangen hat alles vor knapp sechs Monaten. Da wurde der erste Fall bei uns eingeliefert. Damals hatten wir noch keine Ahnung, welche Ausmaße alles annehmen würde. Der Tag fing schon total beschissen an. Der Oberarzt machte mir die Hölle heiß, weil ich die komplette Übergabe verpasst hatte. Obwohl ich mich wahnsinnig abgehetzt hatte, bin ich wegen eines bescheuerten Verkehrsstaus trotzdem viel zu spät zur Arbeit erschienen. Ich dachte, viel schlimmer könne der Tag auch nicht mehr werden. Das war, bevor zwei Patienten ihr Essen auf den Boden schmissen, welches ich aufwischen durfte, und der dritte es gleich über mich gekotzt hatte. Noch nicht mal duschen konnte ich danach in Ruhe. Mein Pieper ging, die Notaufnahme brauchte mich. Eine halbe Stunde vor meinem eigentlichen Feierabend.
   Als ich in der Notaufnahme ankam, versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen, was angesichts des wild umher laufenden Personals und den vielen verletzten Personen nicht gerade einfach war. Es hatte eine Massenkarambolage gegeben. Irgend so ein Idiot war jemandem im vollen Verkehr vors Auto gelaufen. Kommt häufig genug vor, doch als ich die Leiche des Angefahrenen sah, war ich mir sicher, dass er nicht aufgrund des Unfalls gestorben war. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Der Körper war überzogen mit einem Raster aus roten Linien, sogar die Augen. Zuerst konnte ich mir keinen Reim darauf machen, doch ein genauerer Blick ließ mich erkennen, dass offenbar sämtliche Adern in dem Körper des Mannes geplatzt waren. Ich konnte mir nicht erklären, wie das passiert sein sollte.
   Der Pathologe, Jackson, brachte die Leiche fort, sodass ich hatte nur wenige Momente Kontakt damit hatte. Das hat mir wohl das Leben gerettet. Na ja, es hat wohl eher meinen Tod nur aufgeschoben.
   Als ich nach Hause kam, war ich völlig fertig. Als ob der Tag nicht schon schlimm genug gewesen wäre, ging mir der Anblick des Mannes einfach nicht aus dem Kopf. Ich war mit den Gedanken völlig woanders, als ich unsere Wohnung betrat. Wie aus dem Nichts kam plötzlich ein schwarzer Schatten auf mich zugeschossen und hielt mich im nächsten Augenblick fest im Griff. Ich hatte fast einen Herzinfarkt und schrie vor Schreck laut auf. Als nächstes hörte ich Deans kehliges Lachen.
   „Herrgott, du wirst noch mal mein Tod sein!“, fluchte ich. Ganz sauer sein konnte ich trotzdem nicht. So war das nun mal mit uns. Dean stand drauf, mich zu ärgern. Und auf jeden seiner kleinen Scherze antwortete ich immer mit demselben Satz. Nur wurde ich normalerweise nicht so sauer, weswegen Dean gleich merkte, dass es etwas nicht stimmte. Nachdem ich ihm von meinem Scheißtag erzählt habe, nahm er mich einfach in den Arm. Jedes mal, wenn er das tat, fühlte ich mich gleich besser.
   Als ich am nächsten Tag zur Schicht kam, ahnte immer noch niemand, was uns allen bevorstand. Ich ging in die Pathologie, um Jackson nach der Todesursache des Mannes zu fragen. Es ließ mich einfach nicht los. Doch Jackson war nicht dort. Er hatte sich krank gemeldet. Zwar war ich frustriert, doch immerhin lief der Tag deutlich besser als der vorherige. Allerdings sollte auch diese Glückssträhne bald wieder nachlassen. Als eine Woche später Jackson wieder in der Pathologie auftauchte – tot. Am ganzen Körper übersät mit aufgeplatzten Adern. Ich ertrug den Anblick nicht lange und zog mich schnell zurück. Jackson war nicht wirklich ein Freund von mir, doch wir hatten uns immer gut verstanden. Und dass er nun tot war, und dann auch noch offenbar an der gleichen mysteriösen Krankheit starb, wie der Mann zuvor, war einfach zu grauenvoll.
   Doch das war natürlich erst der Anfang. Als fast täglich wurden neue Patienten bei uns eingeliefert, schwante mir Übles. Die Krankheit breitete sich schnell aus. Die ersten Fälle schafften es in die Nachrichten. Der menschlichen Natur war es inne, darüber in Panik auszubrechen, wie schon einige Male zuvor. Doch das waren alles mehr oder weniger falsche Alarme. Nicht so dieses Mal. Das wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, als ich eines Tages zur Arbeit kam. Das ganze Krankenhaus wurde komplett unter Quarantäne gestellt. Wir mussten die ganze Zeit so vermummt wie möglich herumlaufen. Handschuhe, Mundschutz, Überschuhe. Das volle Programm.
   Die Erforschung der Krankheit hatte höchste Priorität. Erste Ergebnisse gab es zum Krankheitsverlauf. Der Erreger war offenbar hoch pathogen, wenn man in Kontakt mit den Infizierten kam. Da ich die Toten nie berührt hatte, hatte es wohl noch nicht für eine Infektion ausgereicht. Jackson hingegen hatte stundenlang eine Autopsie an dem ersten Opfer durchgeführt. Sicher, auch er hat sich geschützt, doch die kleinste Unachtsamkeit wird schon gereicht haben. Danach ging alles ziemlich schnell. Die ersten Symptome traten innerhalb von 24 Stunden auf, oft begleitet von Fieber. Der Krankheitsverlauf war dann sehr subjektiv. Es gab Patienten, die schon nach wenigen Tagen starben, andere erlagen der Krankheit erst nach Wochen. Ein besonders ansehnlicher Tod war es in jedem Fall nicht. Das schürte die Panik der Bevölkerung natürlich umso mehr.
   Ich muss gestehen, dass ich dagegen auch nicht ganz gefeit war. Alle paar Minuten überprüfte ich den Sitz der Handschuhe und des Mundschutzes. Ich desinfizierte mich, sobald ich auch nur den geringsten Kontakt zu irgendeinem Menschen hatte. Was im Krankenhaus noch ganz gut funktionierte, wurde in der allgemeinen Öffentlichkeit zur Tortur. Wo waren die Menschen um einen herum gerade gewesen? Hatten sie sich eben vielleicht infiziert? An jedem Türgriff, an jeder Ware im Supermarkt, an jedem Objekt generell konnte der Erreger haften. Und eine Heilung war längst nicht in Sicht. Man arbeitete gerade an einem Schnelltest, der das Virus innerhalb weniger Minuten erkennen sollte. Was das mit sich bringen würde, war mir schnell klar. Die totale Kontrolle. An entsprechenden Orten würde medizinisches Personal Wache stehen und jeden Menschen überprüfen, der passieren wollte. Wie würden die Menschen das aufnehmen? Würden sie noch mehr Angst bekommen? Würden sie sich daran gewöhnen? Was würde mit den Menschen geschehen, die positiv getestet werden? Darüber wollte ich gar nicht nachdenken. Das einzige, was mir bei den Gedanken an diese düstere Zukunftsvision Sicherheit und Trost bot, war Dean. Er war Programmierer bei einer IT-Firma. Und als das Ausmaß der Krankheit bekannt wurde, hatte man sich entschieden, die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten zu lassen. So musste ich mir die meiste Zeit keine Sorgen um ihn machen. Andersherum war das natürlich anders. Ich war genau im Zentrum des Geschehens. Aber ich beteuerte ihm immer wieder, wie sehr ich auf meine Sicherheit achtete. Er akzeptierte, dass ich nicht einfach aufhören konnte. Es war nicht einfach nur ein Job. Ich war Krankenschwester geworden, um den Menschen zu helfen und ihnen beizustehen, so kitschig das auch klingen mag. Das war jetzt wichtiger als jemals zuvor. Dean verstand das. Und wenn mir alles manchmal über den Kopf zu wachsen drohte, nahm er mich immer wieder in den Arm und ich fühlte mich besser.
   Als ich eines Tages nach einer 30-Stunden-Schicht nach Hause geschickt und mir eine Zwangspause auferlegt wurde, konnte ich endlich mal wieder etwas mehr Zeit mit Dean verbringen. Wir verließen den ganzen Tag die Wohnung nicht und genossen die Ruhe und Stille. Ich konnte beinahe vergessen, dass draußen gerade die Welt unterging.
   Am nächsten Morgen fühlte ich mich so erholt wie schon lange nicht mehr. Ich wusste gar nicht, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen hatte. Während Dean weiterschlief, stieg ich unter die Dusche und genoss, wie das Wasser meinen Körper herunter perlte. Nachdem ich das Wasser abstellte, griff ich nach einem Handtuch und trocknete mich ab – als ich ein geplatztes Äderchen auf meinem Bein entdeckte.

   „Okay. Ganz ruhig. Tief durchatmen“, redete ich mir immer wieder zu. „Das muss nicht gleich das Schlimmste bedeuten. Du hast in letzter Zeit viel gearbeitet, viel gestanden. Es ist einfach nur ein geplatztes Äderchen wegen der erhöhten Belastung.“ Das musste es sein. Fieber hatte ich keines, doch das war auch nicht obligatorisch. Was, wenn ich mich infiziert hatte? Wann war es geschehen? Wie? Hatte ich es schon auf Dean übertragen? Bei dem Gedanken wurde mir ganz schlecht. Wenn ich Schuld daran hätte, wenn auch er sich infiziert hatte…
   Ich zog mir schnell ein paar Klamotten über, als Dean aufwachte. „Ich muss schnell ins Krankenhaus“, sagte ich schlicht zu ihm und eilte hinaus. Auf dem Weg zur Klinik achtete ich akribisch darauf, nichts mit meiner Haut zu berühren, niemanden anzuatmen. Ich versuchte mir immer noch einzureden, dass es dafür keinen Grund gab. Es war nur für alle Fälle. Hinterher würde ich mir sicher albern vorkommen, dass ich so eine Panik geschoben hatte. Als ich im Krankenhaus ankam, ging ich unverzüglich in den Umkleideraum und legte meine Schutzausrüstung an. Als ich die Senkel meines Mundschutzes zu knotete, war es, als würde eine riesige Last von mir abfallen, so erleichtert war ich. Sollte ich wirklich infiziert sein, würde ich so wenigstens niemanden mehr anstecken können. Was für eine Ironie. Die Kleidung, die mich schützen sollte und so bitter dabei versagte, sollte nun dazu dienen, andere vor mir zu schützen. Und wenn sie auch dazu nicht in der Lage war? Panik stieg in mir auf. Ich nahm tiefe Atemzüge, um mich zu beruhigen. Das war völlig unmöglich, ich musste mich draußen infiziert haben. Nachdem das kalte Gefühl, das durch meinen Körper kroch, langsam abebbte, verließ ich den Raum, um direkt zu den Labors zu gehen. Ich erkundigte mich, wie weit sie mit dem Test waren. Er war noch nicht hundertprozentig ausgereift, in ein paar Tagen sollte es aber soweit sein.
   Großartig, wie sollte ich Dean eine mögliche tagelange Abwesenheit erklären? Darüber konnte ich mir später immer noch Gedanken machen. Für eine Nacht würde mir erst einmal eine Ausrede einfallen. Ich versuchte mir den ganzen Tag nichts anmerken zu lassen, überprüfte meinen Schutz aber noch häufiger als vorher. Jedes Mal, wenn ein weiteres Opfer eingeliefert wurde, kostete es mich größte Mühe, nicht erneut in diese packende Angst zu verfallen. Am Abend rief ich dann Dean an und erklärte, dass sie mich im Krankenhaus noch brauchen würde. Die Enttäuschung in seiner Stimme konnte er nur schwer verbergen, was mir Gewissensbisse bereitete. Aber ich tat das schließlich zu seinem Schutz.
   Schlaf fand ich diese Nacht kaum. So allein mit meinen Gedanken überlegte ich immer und immer wieder, was ich bloß tun sollte, falls ich tatsächlich infiziert sein sollte. Am nächsten Morgen überprüfte ich augenblicklich meinen Körper. Die entsetzliche Erkenntnis, dass ich den Test jetzt wohl nicht mehr brauchen würde, lähmte mich. Die Rasterung der geplatzten Adern hatte sich ausgeweitet. Zu weit, als dass es durch Überbelastung erklärbar sei. Ich weiß nicht, wie lange ich auf mein Bein starrte. Irgendwann riss ich mich einigermaßen zusammen, legte wie in Trance meine Schutzkleidung an und ging zum Chefarzt, um ihm zu berichten, dass ich infiziert sei. Nach einem kurzen Augenblick der Erschütterung veranlasste er meine Quarantäne.
   Sobald ich in dem hermetisch abgeriegelten Raum untergebracht war, rief ich Dean an. Ich hatte darum gebeten, es ihm selbst sagen zu dürfen. Ich war erleichtert, zu hören, dass es ihn offenbar nicht erwischt hatte. Als er jedoch von meinem Zustand erfuhr, bestand er darauf, sofort vorbeizukommen. Zwecklos, zu versuchen, ihn davon abzubringen. Ein Teil von mir wollte es auch gar nicht. Ich wollte ihn unbedingt sehen, er fehlte mir so furchtbar. Auf der anderen Seite war da natürlich das Risiko, dass er sich ebenfalls infizieren könnte. Er musste Abstand von mir halten. Aber würden wir beide dazu in der Lage sein?
   Als es an der Tür klopfte, blieb mir kurzzeitig das Herz stehen. Dean trat ein, vermummt, wie ich es immer war. In diesem Moment, als ich nur noch seine grünen Augen sehen konnte, brachen all die Angst und Verzweiflung aus mir hervor. Ich fing hemmungslos an zu Weinen, wohl wissend, wie sehr es auch Dean wehtat. Er versuchte, zu mir zu kommen, sicher, um mich wieder in den Arm zu nehmen, doch die Schwester, die ihn hereinbrachte, hielt ihn zurück. Dean verbrachte den ganzen Tag bei mir, am anderen Ende des Zimmers, so lautete die Auflage. Das ganze wiederholte sich am nächsten Tag und am Tag darauf. Die Ausprägung meiner Symptome wurde immer schlimmer, wenngleich die Krankheit nicht so schnell voranschritt, wie bei anderen. Sichtbare Stellen waren längst nicht betroffen, wofür ich dankbar war.
   Einen großen Fortschritt in der Forschung wurde erreicht, als wenige Tage nach meiner Einlieferung endlich der Test fertiggestellt war. Unnötig, ihn bei mir durchzuführen, aber ich diente quasi als Positiv-Probe, während der Chefarzt als Negativ-Probe fungierte. Nachdem beide Tests entsprechend ausgefallen waren, bat ich darum, dass Dean getestet werden sollte. Er zeigte zwar keinerlei Symptome, aber ich wollte sicher gehen. Nach wenigen Minuten dann das Ergebnis. Dean war positiv! Aber das war völlig unmöglich! Wir starrten uns für eine halbe Ewigkeit lang an, er war genauso gelähmt wie ich. Ich hatte ihn angesteckt. Er würde meinetwegen sterben. Dean wurde in seinen eigenen Quarantäneraum abgeführt. Er ging ganz still mit, als hätte er schon aufgegeben. Es brach mir das Herz.
   Doch auch nach Tagen zeigte Dean immer noch keine Symptome. Der Test wurde an weiteren Probanden ausprobiert; alle Ergebnisse entsprachen den Erwartungen. Doch auch die Wiederholungen von Deans Test brachten kein anderes Ergebnis. Er war positiv. Es gab nun keinen Grund mehr, ihn von mir fernzuhalten. Als er mich endlich in die Arme schloss, konnte ich für einen Moment vergessen, dass ich vermutlich bald sterben würde. Im nächsten Augenblick dachte ich daran, dass ich mich wahrscheinlich genau so angesteckt hatte. Offenbar war Dean immun, er konnte das Virus schon wer weiß wie lange in sich getragen haben, und er war der einzige, dem ich mich arglos gegenüber verhalten hatte.
   Als der Chefarzt mein Zimmer betrat, lösten wir uns widerwillig voneinander. „Ich will Ihnen nicht zu viel Hoffnung machen“, begann er. „Aber Sie sind bis jetzt der einzige Fall von Immunität, den wir haben. Mit Ihrer Hilfe könnte es gelingen, ein Gegenmittel zu synthetisieren.“ Er sah mich nachdenklich an. „Das wird jedoch ein Wettlauf gegen die Zeit werden.“

   Ich versuchte, meine wilde Hoffnung im Zaum zu halten. Dean wurde von seiner Arbeit freigestellt, damit er dem Krankenhaus durchgängig für Tests zur Verfügung stehen konnte. Er zog zu mir in mein Quarantänezimmer und warum auch nicht? Ich war froh, dass ich noch einmal so viel Zeit mit ihm verbringen konnte. Während die Tage vergingen, verschlechterte sich mein Zustand immer mehr. Ich begann aufgrund der inneren Blutungen schwächer zu werden, versuchte aber, mir aber nichts anmerken zu lassen. Die Bluttransfusionen halfen auch immer weniger.
   Als der Chefarzt in mein Zimmer kam, sah ich sofort den ernsten Ausdruck auf seinem Gesicht. „Wir wissen nun, warum der Virus keine Auswirkungen auf Dean hat.“ Eine bedrückende Pause. „Es handelt sich um eine genetisch bedingte Anomalie im Aufbau seiner Bindegewebsschicht um die Gefäße herum. Sie ist schlichtweg zu stabil, um von den Viren angegriffen zu werden. Das ist nichts, wofür man ein Mittel synthetisieren könnte. Es tut mir leid.“
   Tränen liefen Deans Gesicht hinunter. Ich hingegen, war erstaunlich gefasst und ging zu seinem Stuhl hinüber. Als ich vor ihm stand, lehnte er seine Stirn an meinen Bauch. Ich strich ihm über seinen Hinterkopf. Die braunen Stoppeln in seinem Nacken kitzelten meine Fingerspitzen. „Ich hab doch schon immer gesagt, dass du mal mein Tod sein wirst“, scherzte ich. Ja, sicher war es nicht lustig, aber Humor – und mochte er noch so schwarz sein – war im Moment fast das einzige, was mir noch blieb. „Dean“, fuhr ich ernster fort. „Das einzige, was ich bereue ist, dass wir nicht noch mehr Zeit zusammen verbracht haben. Hätte ich vorher gewusst, dass es so endet, würde ich trotzdem nichts ändern wollen.“
   Meine Worte verursachten nur noch mehr Tränen. Ich setzte mich auf seinen Schoß, legte meine Arme um seinen Hals und drückte ihn fest an mich. Mir blieben nur noch Tage, und die wollte ich nicht mit Heulen, Reue, Wut oder Zweifeln verbringen. Ich wollte noch einmal glücklich sein, bevor ich starb.

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